Verschwommen

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Die Straße und all die Menschen auf ihr verschwinden aus dem Fokus, wenn die Gedanken und Erinnerungen die Hoheit über das Sein gewinnen. Es ist keine Melancholie, sondern es sind lustvolle Gedanken, die durch den Kopf jagen. Ein Gesicht, ein Lächeln, eine Berührung. All das sind kleine Explosionen und Gedankensplitter in meinem Kopf. Bis plötzlich ein Mensch mich aus diesem Traum reißt. Man möchte mir etwas verkaufen oder mich zu etwas verpflichten, was weiß ich. Wann habe ich meine Zustimmung gegeben, dass mich Unbekannte aus meiner Traumwelt reißen dürfen? Sie dürfen es nicht. Sie sollen mir meine Ruhe lassen und den Versuch an meine Moral zu appellieren, den sollten gerade sie unterlassen. Wer handelt denn hier gerade unmoralisch und verletzt meine Grenzen? Noch einige Minuten bin ich verärgert. Dann zwinge ich mich zur Ruhe und lasse die Welt wieder verschwimmen.

Wie beendet man eine Diskussion

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Es gibt den Moment, da bemerkt man, dass eine Diskussion oder ein Streit vorbei ist, weil die Argumente fehlen und vermutlich, weil einem bewusst wird, dass man selbst womöglich falsch liegt, aber wie geht man damit um? Ich möchte ein wenig auf die drei Möglichkeiten eingehen, die mir einfielen:

Möglichkeit 1 – Gegenangriff:
Neulich stand ich an der Kasse und während ich wartete, wurde mir bewusst, dass ich noch eine Flasche Wasser mitnehmen wollte. Ich verließ meinen Platz, holte die Flasche und war keine zehn Sekunden später wieder zurück. Der Kerl, der sein Zeug hinter meinem auf das Band gelegt hatte, hatte sich so weit ausgebreitet, dass ich nur schwer an ihm vorbeikam. Er war mir unangenehm und so peilte ich die kleine Lücke zwischen Band und seiner Sporttasche an, während er in die Gegenrichtung blickte und schlüpfte hindurch, jedoch nicht ohne seine Tasche leicht mit meinem Jackett zu streifen. Für mich war die Situation damit vorüber, aber nach drei Sekunden blaffte es hinter mir „Spast“ aus seinem Mund. Ich begegnete ihm mit Humor und schüchterte ihn durch Wortgewandtheit und Körpergröße ein. Normalerweise hätte ich zuvor gefragt oder mich danach entschuldigt. Aber in diesem Fall erschien mir ein Gegenangriff als einzige Option. Die Hürde mich zu entschuldigen lag zu hoch. Mich ärgerte dieser Mensch jedoch noch den ganzen Tag, ebenso wie die Frage, warum ich nicht einfach darum gebeten hatte, dass er mich durchlässt.

Möglichkeit 2 – Verstreuung:
Als ich letztens nach Hause kam, saß die Tochter einer Bewohnerin unseres Hauses auf der Treppe. Sie wollte die letzten Stufen nicht selbst erklimmen. Nun saß sie da und ihre Mutter hatte ihr klargemacht, dass es nun an ihr läge, in die Wohnung und ins Bett zu kommen. Während die Kleine so dasaß, der ich wohl niemals böse sein werde, machte sie ihre Beine lang und lehnte am Geländer, so dass sie fast schon komplett auf der Stufe lag. Ich fragte sie, ob ich ihr eine Decke und Kissen bringen sollte. Sie blickte mich wortlos durch die hölzernen Stäbe des Geländers an. Ihre Mutter, welche ein Stockwerk über mir stand, stimmte mit ein. Wir würden die nötigen Dinge fürs Übernachten zu ihr bringen und erklärten zugleich, wie nervig es sei, dass ständig Leute in der Nacht im Treppenhaus das Licht anschalteten und über sie drübersteigen würden. Die Liebe verstand, dass wir alberten, aber sie war abgelenkt von ihren kraftlosen Beinen. So stand sie auf und nahm die letzten Stufen, natürlich nicht, ohne auf die Anstrengungen hinzuweisen. Die Verstreuung war noch nicht ganz geglückt, aber ihre Mutter und ich hatten ihr die Möglichkeit gegeben, den Streit zu umgehen und die Niederlage nicht eingestehen zu müssen, indem wir das Thema abgleiten ließen.

Möglichkeit 3 – Rückzug:
Jeder von uns kennt die alten Filme in denen Schlachten geführt wurden und die Kampfsituation kippte. Wir fragten uns, warum der Kommandant nicht den Rückzug anordnete und somit die letzten seiner Soldaten rettete. Vielleicht lag es daran, dass er es noch nicht begriffen hatte. Vielleicht aber auch daran, dass er auf ein Wunder hoffte. Oder es lag daran, dass er Angst davor hatte, wie sein Gegner diesen Rückzug behandeln würde. Vielleicht ließe der Gegner die Soldaten laufen. Aber was, wenn nicht? Was, wenn er sie hinterrücks erschlüge und erschösse? Der Rückzug fällt deswegen so schwer, weil wir nie wissen, ob auf unsere entschuldigende Einsicht das Verständnis des Gegenübers trifft. Gerade bei einem hitzig geführten Streit möchte man nicht beim Eingeständnis der eigenen Niederlage vom Anderen fertiggemacht werden. Dieser Schritt erscheint mir der schwierigste. Er kann leichter gemacht werden, wenn man auf die Verstreuung zurückgreift, aber da müssen beide Seiten mitspielen. Dieser Schritt kann jedoch der Gewinnbringendste sein. Eine Diskussion, die man selbst damit beendet, dass man den eigenen Fehler eingesteht, kann einen zwar für einen Moment schwach erscheinen lassen, sie zeigt dem Gegenüber, dass man fähig ist, umzudenken. Es wird klar, dass eine Diskussion lohnt, denn es gibt kein Beharren auf dem eigenen Standpunkt. Nach solch einem Ende ärgern sich beide Parteien nicht, sondern haben die Chance, versöhnlich zusammen zu kommen.

Wir haben bei jeder Diskussion diese Möglichkeiten und vielleicht fallen euch auch weitere ein. Jedes Mal können wir uns neu entscheiden, welchen Weg wir wählen und warum dieser besser ist. Wichtig erscheint mir dabei zu sein, dass man abwägt. Wir müssen uns selbst klarmachen, dass unsere Streitkultur es ist, die weitreichende Auswirkungen hat. Natürlich möchte man Recht haben und gewinnen. Aber zu welchem Preis? Wenn ich sehe, dass ich gewinne, dann kann ich meinem Gegenüber die Verstreuung anbieten. Ich kann natürlich auch weiter auf ihn einreden. Eine Diskussion wird immer von mindestens zwei Parteien geführt. Beide sollten schauen, dass sie sich danach noch menschlich begegnen können. Ich möchte nicht fertig gemacht werden, wenn ich verliere, also sollte ich auch niemanden fertig machen, wenn ich gewinne und soweit möglich einen versöhnlichen Ausgang anbieten.

p.s.
mir fiel noch eine vierte Möglichkeit ein – Vertagung: Einen Streit zu verschieben ist der Verstreuung recht nah, bietet jedoch an, dass sich die Beteiligten in Ruhe Gedanken machen und in einem anderen Gemütszustand das Gespräch wieder aufnehmen. Das ist oftmals sehr sinnvoll, wird aber nur selten praktiziert. Warum eigentlich?

Das Geschenk

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Vor einigen Jahren bezog ich eine neue Wohnung und als ich durch die Räume schritt, trat ich versehentlich auf gefaltetes, buntes Papier. Es hatte vermutlich der Vormieter beim Ausziehen liegen gelassen und so warf ich es weg. Ich genoss das Leben in meinen vier Wänden und nach einigen Jahren besuchte mich ein guter Freund. Er war mir so vertraut, dass er damals, als ich die Wohnung besichtigte ihn gebeten hatte, mit mir jene Räume anzuschauen, wenngleich es für ihn eine weite Anreise ausmachte. Als er nach all den Jahren wieder in der Wohnung stand, sah er mich lächelnd an und fragte aus dem Nichts heraus: „Und?“ Seine Augen glänzten und sein ganzer Körper war gespannt. „Was und?“, erwiderte ich und verstand nicht. „Ach komm, erzähl schon. Was hast du mit deinen Wünschen gemacht?“, fragte er und ich beteuerte mehrmals, dass ich nicht wüsste, worüber er spräche. Plötzlich wandelte sich sein Gesicht. Die ganze Spannung fiel von ihm ab und er schien um Jahre gealtert zu sein. Ja, sein gesamter Körper schien erschlafft. Dann erklärte er sich: „Ich habe dir damals ein Geschenk in der Wohnung hinterlassen. Es war ein kleines Kästchen aus weicher Pappe. Das musst du doch gesehen haben.“ Ich erinnerte mich nicht und überlegte. Immer weiter ging ich in meinen Gedanken zurück und dann blitzte es in meinem Kopf auf. Das Papier, welches ich meinem Vormieter zugeschrieben hatte, es war ein Geschenk an mich, welches ich achtlos weggeworfen hatte. „Was war es denn, was du mir geschenkt hattest?“, fragte ich meinen Freund und er schien zu enttäuscht, um eine Antwort geben zu können. Er nahm sich viel Zeit: „Nun, es waren drei Wünsche.“ „Wie meinst du das: Drei Wünsche?“ „Genau so, wie ich es sage: Drei Wünsche. Egal was.“ „So etwas kann man doch nicht verschenken. Waren das Gutscheine oder wie?“ „Nein, es waren drei Wünsche“, sagte er gereizt ob meiner Unfähigkeit ihn zu verstehen und er ergänzte: „Was auch immer du dir gewünscht hättest, es wäre gewesen, aber du hast es verkommen lassen.“ „Alles?“, fragte ich ungläubig. „Ja. Stell dir vor, du hättest Dinge bewegen können nur durch die Kraft deines Willens. Du hättest Menschen heilen können, ohne nach der rechten Arznei suchen zu müssen. Oder du hättest körperlos reisen können, wohin auch immer dir der Sinn gestanden hätte. Wären das nicht drei wundervolle Wünsche gewesen?“ „Das wären sie, aber das ist doch nur Phantasterei, was du mir da erzählst“, erklärte ich in tiefster Weigerung, ihm zu glauben und dann fand ich endlich eine Antwort, um mich aus der Defensive zu befreien: „Dann mache mir das Geschenk doch bitte noch einmal. Dieses Mal werde ich achtsam sein.“ Er schüttelte nur den Kopf: „Ich wünschte, ich könnte das. Ich wünschte es so sehr. Aber diese Geschenke bildeten sich über tausende Jahre. Sie wurden erbracht von zahllosen Kindern und Ältesten. Die kann ich nicht einfach wieder so hervorzaubern. Diese Erkenntnisse sind weggewischt. Einfach verschwunden.“ Ich wollte meinen Freund trösten und mir fiel kein besserer Weg ein, als es über meinen Unglauben zu tun: „Aber woher weißt du, ob das mit den Wünschen wirklich geklappt hätte?“ Seine Augen blickten mich mit einer Leere an, die mir tief ins Mark ging und er sprach: „Ich weiß es nicht. Ich werde es auch nicht mehr erfahren können. Vielleicht gab es niemals diese Wünsche und all ihre Erkenntnisse. Vielleicht waren das alles nur urvölkische Spinnereien. Aber was wenn es nicht so war? Was, wenn all das Wissen, welches wir mit unserem Glauben an die Wissenschaft nicht mehr begreifen und erklären können, doch vorhanden war? Wir sind leider viel zu gut darin, unseren Blick auf das Wesentliche zu verlieren und das zu vernichten, welches so viele Geheimnisse und Wunder bereithält. Es ist egal, wie oft wir uns danach zu entschuldigen versuchen: Was verloren ist, ist verloren. Vielleicht werden wir irgendwann wieder zu diesem Punkt finden, wenn unser Geist weit genug dafür ist, zu akzeptieren, dass es zu einer Gleichung mehr als eine Lösung gibt. Bis dahin werden wir uns streiten und zerstören und vergessen.“

Genießen

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Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich mag es, wenn es Wochenende ist. Wann ich aufstehe und wie ich mich den Tag über verhalte, ist allein mir überlassen und wird nicht von anderen bestimmt. Mein Wochenende besteht tatsächlich nur aus zwei Tagen, da ich am Freitag bis 17:30 Uhr arbeite. Ich genieße daher das Ausgehen am Freitag, sowie das Ausschlafen am Samstagmorgen, so ich denn nicht durch Kindergeschrei geweckt werde, aber meist kann ich dann etwas später wieder schlafen. Ich kenne Menschen, die den Sonntag hassen. Ich vermute, dass sie dies tun, weil es der letzte freie Tag ist, bevor es wieder los geht. Für mich ist das unvorstellbar. Der Sonntag ist voller Ruhe und Entspannung, dass ich ihn einfach nicht verteufeln kann. Aber vielleicht habe ich es einfach gelernt im Moment glücklich zu sein, selbst wenn der Ausblick negativ ist. Ich muss sagen, dass ich diese Blickweise sehr mag. Egal, was morgen kommt: Ich lebe jetzt und das genieße ich.

In diesem Sinne: Habt ein wundervolles Wochenende.
Ben

Greif zu

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Ihr kennt das, diese Rüffel von anderen Menschen. Da gibt es den Typus, der weh tut, ganz egal, ob er stimmt oder nicht. Es ist etwas, das einen trifft, aber dem man nicht nachgehen möchte, weil man mit der Art nicht umgehen kann. Ich zumindest kenne das. Ich kenne aber auch dieses Aufrütteln, das aus einer tiefen Liebe entspringt. Keine sexuelle Liebe, sondern eine menschliche. Ich bekam solch einen Aufrüttler heute verpasst und stand für einen Moment mit Tränen in den Augen mitten in einer Disko. Es lag nicht am Alkohol, was den betrifft, so habe ich mich ausgesprochen gut unter Kontrolle. Es waren Komplimente gepaart mit dem Hinweis „endlich zuzupacken“.

Ich habe mich zu gern auf Komplimenten ausgeruht. Doch gleichzeitig begann ich in den letzten Jahren davonzulaufen. Ich rannte vor meinem Leben davon. Ich rannte vor Freunden davon. Ich rannte vor der Liebe davon. Ich rannte vor der Familie davon.

Ich tat Menschen weh, weil ich nach einer Lösung suchte. Nein das stimmt nicht, es waren keine Lösungen, sondern Auswege. Oder noch ehrlicher: Es waren Fluchtwege. Wir alle wissen, dass man bei einer Flucht schlussendlich vor sich selbst davonläuft, aber was macht man mit jenen, die man auf dieser Flucht betrog oder belog? Was machte ich mit jenen? Ich traf eine Frau, die sich in mich verliebte, doch statt ihr offen und ehrlich zu begegnen, verhielt ich mich falsch. Ich ließ sie an mich heran und genoss es. Dann stieß ich sie weg. Wenn ich so zurückblicke, war es nicht nur eine.

Menschen sorgten sich um mich, doch ich meldete mich nicht oder reagierte nicht auf sie. Brachte es mich näher zu dem Menschen, der ich sein könnte oder der ich sein möchte? Eine Antwort braucht es gar nicht, weil sie jeder kennt. Weil ich die Antwort kenne.

Das Leben meint es ausgesprochen gut mit mir. Das weiß ich. Ein schlechter Mensch bin ich nicht, dessen bin ich mir sicher. Aber ein guter Mensch bin ich auch nicht. Nicht nach meiner eigenen Definition. Ich kenne gute Menschen. Und ich kenne Menschen, die ihren Weg gingen. Vielleicht taten sie dabei auch geliebten Menschen weh, aber sie fanden zu sich und verleugneten sich nicht.

In drei Stunden werde ich aufstehen, mich zurechtmachen und auf die Arbeit gehen. Es ist ein Job, der in Ordnung ist. Es ist ein Team, welches ich mir kaum besser wünschen könnte. Dennoch ist dieser Job nicht das, was ich möchte.
Es ist nicht der Job, hinter dem ich stehe. Es ist eine Arbeit, das ist alles.

Dieser Text soll mir selbst ein Tritt in den Allerwertesten sein, jetzt etwas zu verändern. Vielleicht nicht mein gesamtes Leben. Aber indirekt den Umgang mit all den lieben Menschen, die ich in meinem Leben wissen darf. Denn ich bin unheimlich dankbar dafür, dass sie da sind, selbst wenn ich nicht da bin. Das muss sich ändern. Das muss ich ändern.

Türkei

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Momentan vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über die Türkei oder Erdogan berichtet wird. Das Internet trägt seinen Teil bei und so finden sich bei Facebook schnell Kommentare, in denen sich die Leute wieder und wieder auf die Mütze geben möchten. Eine Diskussion mit Fakten, bei denen es wirklich um Erkenntnisse geht, erwartet wohl auch mittlerweile niemand mehr.

Wenn in den letzten Tagen also die Türkei in einem Gespräch auftauchte, dann war es immer im aktuellen, politischen Kontext. Mir schoss heute aber wieder durch den Kopf, was ich für ein Glück in meinem Leben habe, dass meine Mutter mich vor gut 1,5 Jahrzehnten auf eine Reise mitnahm. Ich muss gestehen, dass ich mich nicht daran erinnere, wo genau wir waren. Ganz genau genommen, waren wir auf einem Schiff unterwegs und bewegten uns entlang der Küste. Es war ein eher kleineres Motor- und Segelboot, welches wohl 20 Reisende und 5 bis 10 Seeleute beherbergte.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir bei fiesem Wellengang die Kirschen aus dem Leib spie, die mir zuvor so köstlich mundeten. Auch erinnere ich mich an so viele gastfreundliche Leute oder den muskulösen Kapitän, der mir wohl bis heute noch als Vorbild dient, wenn es um einen attraktiven Körper geht. Er brachte mir Backgammon bei und auch wenn ich damals noch nicht so ganz verstand, was Erwachsene so machen: Irgendwas lief da auch zwischen meiner Mutter und ihm. Wer kann es ihr verdenken. Aber vielleicht war das auch nur kindlich-jugendliche Einbildung, die bis heute als Erinnerung erhalten blieb.

Ich erinnere mich daran, wie ich mit zwei Mädchen aus Österreich vorn in dem Netz lag, mit dem wir direkt über dem Wasser „schwebten“ und plötzlich ein Tütchen Schnupftabak ins Wasser fiel. Damals dachte ich, dass das irgendwelche illegalen Drogen wären und das Wort „Schnupftabak“ machte es nicht besser.

Ich erinnere mich an ein Land und an seine Leute, welche es alle nur gut mit mir meinten. Die Sterne konnte ich so klar sehen in der Nacht, wie ich es hier in Deutschland niemals konnte.

Ich verstehe, dass die Menschen dieses Land beschützen wollen. Sie sehen die Kriege in den Nachbarländern und sie wissen von den Terroranschlägen. Ich verstehe daher durchaus einen gewissen Personenkult. Gerade wir Deutschen wissen das. Und wir wollen diese Gefahr aufzeigen. Wir wollen klarmachen, dass ein Anschlag von Kurden nicht von ungefähr kommt und wir wollen, dass eine Demokratie nicht in die Knie geht. Eben weil wir wissen, wo es hinführen kann.

Wie führen wir dieses Gespräch? Respektieren wir unsere Mitmenschen, deren Heimat die Türkei ist und versuchen wir sie zu verstehen? Versuchen wir ihnen zu erklären, warum wir dieses Gespräch mit ihnen führen wollen? Können wir ihnen erklären, dass das unserer historische Verantwortung ist, damit sich unser Fehler nicht immer und immer wieder wiederholen wird?

In meiner Erinnerung bleibt ein wunderschönes und friedliches Land mit Menschen, die mich mit einem Lachen begrüßten und sich nicht von mir abgrenzten, sondern auf mich zukamen, ohne mich einnehmen zu wollen. So will auch ich ihnen begegnen.

Während ich…

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Während ich mit meinem Rad die Straßen entlang radle und die untergehende Sonne in meinem Rücken weiß, höre ich aus den Häuser ekstatisches Stöhnen aus Männerkehlen. Sie alle genießen den Abend mit Freunden und schauen Fußball. Ich freue mich für sie und frage mich, warum ich sonst nie solch eine Ekstase vernehme. Mein Rad quietsch im Takt vor sich hin, während ich grinsen muss, weil mir das letzte Mal einfällt, das in meinen eigenen vier Wänden solch Geräusche hervorbrachte.

Genießt den Abend!

Es ist Zeit…

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Es ist Zeit zu gehen, der Welt zu entflieh’n
Zu wenden, nicht zurückzublicken, zu geh‘n
Entgegen dem Vogelstrom zu zieh’n
Das Segel zu setzen, gegen den Wind zu dreh’n

Das Meer ist schallend leise, leblos stürmisch
Zwischen den Wellen ist einsam, ist frei von allem
All der Schmerz steht für sich, erdrückt mich
Ein Wimpernschlag lässt Zeit und Namen verhallen

Hab immer jenen verlacht, der die Hölle im Nachleben erdachte
Doch nie bemerkt, wie ich mein Leben dort verbrachte.

P.S.
bevor sich einige Leser Sorgen machen: Mir geht es ausgezeichnet, ich habe keine Todessehnsucht. Seht diesen Text bitte als lyrische Umsetzung meines vorherigen Blogeintrags und genießt den Sonntagabend, ich werde es tun.
Liebe Grüße,
Ben

Ruhe oder Rausch?

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Viele Ideen für Texte kamen mir früher, wenn ich betrunken vom Feiern kam. Mir half dieser Zustand vermutlich offen über Dinge zu schreiben, über die ich nüchtern gar nicht erst nachdenken wollte. Eine Weile glaubte ich, dass es mir immer wieder eine Hilfe sein würde, gerade weil der trinkende Autor keine so seltene Person in der Realität ist. Es scheint hilfreich zu sein, aber es ist nicht nötig oder gar ein Zaubermittel, welches wundervolle Texte entlockt.

Ein weitaus effektiveres Mittel ist für mich das Fasten geworden. Eines vorweg: Ich faste nicht im herkömmlichen Sinne, wenngleich ich das bereits für die Zukunft geplant habe. Mein Fasten besteht darin, mich nicht so stark vom Alltag zu ernähren und mich mehr zurückzuziehen. Es kam zu dieser Erkenntnis vor einigen Jahren, als ich ins Krankenhaus musste. Die ersten paar Tage starre ich nur an die weiße Decke. Mein Zimmernachbar fragte mich, ob ich nicht lieber fernsehen wollte, dabei sei ich viel ferner oder viel weiter in jenen Tagen, als ich es in den früheren Jahren vor der Glotze tat. Innerhalb weniger Tage konnte ich eine Beziehung lösen, die ich in den vielen Wochen davor als etwas ansah, dass ich erhalten und niemals verlieren dürfte, dabei tat ich mir damit nur weh.

Ich begann in dieser Zeit der inneren Ruhe meinen ersten langen Text zu schreiben fing an zu mir selbst zu finden. Mir wurde klar, was ich wollte. So etwas wie Selbstverwirklichung ist doch erst dann möglich, wenn man weiß, was man wirklich will. Mir scheint es manchmal so, als würden die Menschen Selbstverwirklichung damit gleichsetzen, dass man finanziell unabhängig ist und hin und wieder großartige Reisen übernimmt, die man mit jedem „Freund“ auf Facebook teilen muss, damit man sich an den Likes berauschen kann. Nutzen wir das Reisen wirklich, um unseren Horizont zu erweitern und um ein Leben kennenzulernen, das unserem fremd ist?

Als ich meinen letzten Urlaub plante, gab es die Möglichkeit auf eine recht einsame Insel zu reisen und eine Hütte ohne Strom und warmes Wasser zu beziehen. Ich habe mir geschworen, dass ich das noch machen werde. Wenn ich Bekannten davon erzählte, kam sehr oft die gleiche Reaktion: „Was? Das könnte ich nicht.“ Es gibt eine Angst vor der Einsamkeit und dem In-sich-kehren, welche ich nicht verstehen kann. Was ist so schlimm daran, bei sich selbst zu sein? Ist es wahnsinnig, sich den eigenen Gedanken zu stellen? Ist es gar verrückt, sich selbst zu akzeptieren, weil man zuvor womöglich lang mit sich ins Gericht gehen musste?

Ich erinnere mich gern zurück an meine Zeit damals im Krankenhaus. Wie ich von einem unzufriedenen Menschen, der Ziele verfolgte, die nicht seine waren, zu einer Person wurde, die für eine Weile Ruhe und Zufriedenheit fand. Interessant dabei ist, dass ich mich selbst wieder ablenken ließ. Dass ich mir selbst wieder einreden ließ, ein Leben sei nur dann etwas wert, wenn ich beruflich erfolgreich sei und eine Frau an meiner Seite hätte. Erfolgreich kann ich nur sein, wenn ich meinen wirklichen Wünschen mit Vehemenz nachgehe. Um diese zu finden oder zu verwirklichen, brauche ich keinen Rausch.

Die Flucht

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Ich war wieder auf der Flucht. Es kam nicht überraschend und ich war bestens vorbereitet. Wenn ich so über mein Leben nachdenke, dann ist mein Weg bis hierhin perfekt darauf ausgelegt gewesen.
Das erste Mal lief ich mit meinem besten Freund vor drei älteren Mädchen davon.

Damals lernte ich zwei Dinge:
Erstens: Respektiere andere Menschen, insbesondere Frauen.
Zweitens: Weglaufen ist meine Lösung im Gegensatz zum Kampf, aber ich hätte damals besser trainiert sein sollen.

Aufgeben gibt es nicht. Damals gab ich auf. Damals wurde ich gefasst. Damals verstand ich, dass mein Handeln Konsequenzen hat. Später lief ich Wettkämpfe mit, allerdings fehlte mir der Ehrgeiz ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Hätte ich mein Essen jagen müssen, wäre niemand so schnell gewesen wie ich. Hätte ich um mein Leben laufen müssen, hätten mich meine Verfolger nach wenigen Metern kaum mehr einzuholen vermocht. Ich war flink, leicht und beweglich. Meine Körperlänge wusste ich voll auszunutzen.

Nicht selten erschreckte ich meine Eltern und andere Menschen, weil ich einen so leichten Schritt hatte und ganz unbewusst darauf achtete, keinen unnötigen Lärm zu verursachen. Die Holztreppe in unserem Haus betrat ich nie in der Mitte, sondern am Rand, dort wo es nicht knackte.

Das Laufen war aber nur ein Teil meiner ungeplant-gelernten Karriere. Ich hatte schon immer ein gutes Gefühl für Zeit und Raum. Fragte man mich mitten am Tag nach der Uhrzeit, lag ich nur selten mehr als fünf Minuten daneben und egal wo ich mich befand, immer wusste ich, in welcher Richtung was lag.
Mein letztes Talent entsprang meiner kindlichen Neugier. Einer alten Kaminuhr konnte ich nicht widerstehen. Schnell war sie geöffnet und auseinandergenommen. Leider hatte ich damals noch nicht die Geduld, die Feder wieder korrekt einzusetzen, die kam erst später, die Lust am Mitnehmen und Öffnen von Dingen blieb mir erhalten.

Ich hätte die beste Voraussetzung für einen Räuber gehabt, was ich aber nicht mit meiner Moral vereinbaren konnte. Ich kann mich nicht am Verlust einer anderen Person bereichern. Meinen ersten Einbruch beging ich einer Freundin zuliebe. Ihr Exfreund hatte einige Bilder von ihr und erpresste sie damit, damit sie ihn nicht verließ. Das änderte ich. Dummerweise lieferte sie mich wenig später ans Messer. Der Druck der Polizisten war zu hoch für sie. Ich hatte dafür meine Lektionen gelernt:
Sei vorbereitet; Respektiere die Menschen; Bewahre deine Moral; Arbeite verdeckt.

All meine Regeln befolgte ich seither und sobald ich den Typen vom Wachdienst los sein würde, könnte ich untertauchen. Meist sind die gar nicht so gut um Laufen, zumindest hat mich bisher noch keiner von denen bekommen. Einmal bekam ich es mit einem Wachhund zu tun. Das war wirklich ein beschissenes Gefühl, denn ich hatte keine Ahnung, was der mit mir anstellen würde, wenn er mich zu fassen bekam. Zu meinem Glück stand auf meinem Fluchtweg ein hoher Metallzaun, den ich schnell hinaufkam. Der Hund bellte mich von der anderen Seite aus an, während vom Wachmann jede Spur fehlte. Ich hatte einfach Glück gehabt.

Der Typ allerdings, der mich gerade noch immer verfolgte, hatte eine verdammt gute Ausdauer, denn mittlerweile waren wir schon durch den halben Park gelaufen und hatten das Tempo dabei mehrfach variiert. Am Ende ist der Typ doch durchtrainierter als ich, kam mir der Gedanke und ich spürte die Anspannung. Aufgeben kam nicht Infrage. Dafür war zu wichtig, was ich gestohlen hatte. Vielleicht ließ er sich überzeugen, wenn ich jetzt aufgeben würde. Wenn er die Wichtigkeit meines Diebstahls verstehen würde, dann würde er mich womöglich laufen lassen. Das war einzig eine Frage seines Pflichtbewusstseins. Womöglich war er gar nicht zugänglich oder gar dumm, aber zumindest letzteres wollte ich aufgrund seines Laufstils nicht glauben. Die Dummen laufen sich gleich am Anfang kaputt, sie denken, dass sie dich gleich haben, fallen dann nach 200 Metern um und liegen für eine Weile am Boden. Manche sind clever genug ihre Grenzen richtig einzuschätzen, die halten länger durch und sind schneller wieder bereit zu handeln.

Dieser Typ hier allerdings hatte wirklich Ahnung. Er sprintete die ersten hundert Meter mit, ließ sich aber leicht zurückfallen. Als ich langsamer wurde, hielt er seine Geschwindigkeit aufrecht und zwang mich wieder in ein höheres Tempo über einen längeren Zeitraum. Das war echt übel, so bin ich noch nie verfolgt worden und ich begann darüber nachzudenken, ob eine Flucht durch Straßen und Gassen nicht sinnvoller sein würde. Ich meide solche Wege, weil man nie einschätzen kann, wann jemand aus einem Haus oder um eine Ecke kommen wird. Da sind die Chancen 50 zu 50, dass es dich oder deinen Verfolger trifft. Diese Verfolgung schien sich gegen mich zu entwickeln, da wäre das Risiko meine letzte Chance, außer der Typ klappte gleich zusammen, das weiß man natürlich nie. Aber vermutlich kam der direkt von der Bereitschaftspolizei, dann könnte diese Jagd noch einige Zeit andauern und ich hatte am Anfang zu viel Energie verschleudert.

Ich hatte mal einen Wettlauf, auf den ich so gar nicht vorbereitet war. 400 Meter Sprint. Der Start war gut und die ersten Meter fühlte sich alles richtig an, dann brach ich komplett ein. Bis zur Hälfte sprintete ich und dann spürte ich nur noch Schmerzen in meinem Körper. Schmerzen und den innigen Wunsch auf dem Boden liegenbleiben zu dürfen. Vielleicht auch zu erbrechen, es sollte nur vorbei sein. Ein Kollege kam zu mir und rief mir aufmunternde Worte zu. Ich riss mich zusammen und kämpfte mich ins Ziel, weit abgeschlagen. Ich fragte mich, wann es zu diesem Punkt bei der aktuellen Verfolgung kommen würde. Klar war ich jetzt besser in Form, aber dennoch gab es eine Grenze. Eine Grenze, die ich genauso gut einschätzen konnte, wie die Tankanzeige meines ersten Autos. Ich konnte nie ganz sicher sein, ob ich noch 100, 50 oder nur noch 5 Kilometer hatte, bis der Motor stotternd ausfiel. Wenn ich so zurückblicke war das näher am Leben, als diese perfekten Anzeigen, die dir sogar berechnen, wie weit du es noch schaffen wirst. Meine Lehrerin war dennoch nicht sonderlich angetan, als ich einen Mitschüler anrief, damit er mir einen Kanister Benzin vorbeibringen würde, nachdem ich die letzten Meter von einer Abfahrt runtergerollt war.

Hinter mir war ein Klappern zu hören, ich blickte zurück und sah aus dem Augenwinkel, dass mein Verfolger mit einem Radfahrer kollidiert war, der aus einem Seitenweg herausgekommen sein musste. Ich lief weiter und blickte etwas später wieder zurück. Mein Verfolger humpelte. Das Glück war mir hold. Mal wieder.

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