Ein tiefer Schluck

Schlagwörter

, , , , ,

Der Blick durchs Abteil entlockte mir nur ein innerliches Gähnen. Zwei Jungesellinnen-Abschiede, bei dem in einem Fall Miss Piggy ihre anstehende Heirat „zelebrierte“. Vermutlich saß Kermit allein zu Haus und sah sich einen Porno an – wer weiß. Ein Trupp Amerikaner fabulierte über spanisches Bier und osteuropäische Frauen. Eine merkwürdige Kombination, aber wir leben in einer globalisierten Welt – also warum nicht? Ich wünschte mir ein schönes Gesicht. Nicht für einen Flirt, dafür fehlen mir die Eier, aber für einen schönen Tagtraum.

Die Flasche Wein habe ich fast gekillt, aber er wirkt nicht, er macht mich lediglich aggressiv – und müde. Ich traue mich nicht, die Augen zu schließen, denn mir fehlt dieses süße Gesicht, was ich dann vor mir sehen könnte. Stattdessen wäre es Miss Piggy oder ihr masturbierender Kermit – oder beide zusammen. Das ist keine Option. Dabei ist die Fahrt noch so unendlich lang und die Flasche fast leer. Zeit für den nächsten, tiefen Schluck.

Zeig mal dein Handy

Schlagwörter

, , , , ,

Das ist wieder so ein Abend, an dem mich nichts in den eigenen Wänden halten kann. Ich muss raus und genau dahin gehe ich auch. Das „Raus“ ist eine nette kleine Bar mit Weißleder-Möbeln und dezentem Neonlicht. Was ich da soll, weiß ich gar nicht und während ich in der Ecke sitze und die Leute beobachte, die sich unterhalten, komme ich mir plötzlich blöd vor. Hier allein zu sitzen, macht mich nervös. Irgendwas muss ich doch machen. Vielleicht sollte ich so aussehen, als würde ich auf jemanden warten, das ist weniger peinlich. Und so tippe ich auf meinem Handy herum. Auf der Getränkeliste stand ein Code fürs WLan und so logge ich mich ein und komme auf die verwegene Idee, mich auf einem Datingportal anzumelden. Ein paar Eckdaten und Gewohnheiten möchten sie von mir wissen und die gebe ich bereitwillig, vielleicht ein klein wenig unwahr, aber wer tut das nicht? Die Registrierung ist abgeschlossen und sofort werden mir nette Bekanntschaften aus der Umgebung angezeigt. Ich klicke mich durch und stoße auf kleine Vorschaubilder, die mir gefallen. Vergrößere ich sie, so zeigt sich das Problem an fitzelig kleinen Vorschaubildern. Hin und wieder sind auch schöne Gesichter dabei. Die Eigenschaften klingen gut. Sie reist gern. Ich auch. Ich mache es nur nicht. Sie verbringt gern viel Zeit mit Freunden. Ich auch. Nur eben gerade in diesem Moment nicht. Sie macht gern Sport. Ich auch. Na jetzt sitze ich ja in der Bar, aber ansonsten schon. Ich blicke auf und sehe an der Theke eine Frau sitzen. Sie starrt auf ihr Handy und tippt darauf herum. Ob sie wohl auch gerade nach einer Bekanntschaft sucht? Ich suche nach ihr auf meinem Handy. Doch ich finde sie nicht. Ich könnte sie ansprechen, aber womöglich wartet sie auf ihren Freund. Das rosa Neonschild „RAUS“ beginnt zu blinken. Es ist die letzte Runde eingeläutet und ich bestelle mir ein letztes Bier. Irgendwie schal. Auf dem Heimweg frage ich mich, ob ich jene Frau nicht hätte ansprechen sollen. Ob ich statt unzähliger unbekannter Gesichter in eines hätte blicken können, welches ich für eine kurze Zeit hätte kennenlernen dürfen und damit einem echten Menschen begegnet wäre. Vielleicht ist sie morgen wieder da. Ich auch. Ich werde sie wohl nur wieder nicht ansprechen.

Inspiriert von Hafensolo

Vernunft

Schlagwörter

, , ,

Es mag keine Zauberei sein, dass wir so eng beieinander stehen, aber es fühlt sich zauberhaft an, diesen Moment mit dir zu erleben, der so endlos zu sein scheint und doch viel zu schnell wieder vorbei. Es schreit nach einem Kuss zwischen dir und mir, aber dieser Schrei verhallt lautlos. Ich will dich doch nur ebenso gern küssen, wie du mich oder liege ich da falsch? Wir tun es doch allein deswegen nicht, weil die Vernunft zwischen uns steht. Aber was ist unvernünftiger, als unseren innigsten Gefühlen nicht nachzukommen?
Die Musik nehmen wir nicht wahr und all die anderen Menschen ebenso wenig. Du und ich, wir stehen einfach nur da und grinsen und lächeln uns an. Es ist ein kurzer Abschied, denn wir sehen uns schon bald wieder, dies ist und bleibt meine Hoffnung. Wir werden dann wohl wieder solch eine Verabschiedung erleben oder werden wir uns doch einmal küssen? Zum Abschied? Oder zur Begrüßung? Jemals? Werden wir uns jemals genießen? Werden wir jemals die Vernunft besiegen können?

Prepaid

Schlagwörter

, , , ,

Das Wort habe ich hier kennengelernt, dabei ist es gar kein deutsches. “Vorabbezahlung” ist auch viel länger, mal davon abgesehen, dass ich es erst Jahre nach meiner Ankunft richtig aussprechen und verstehen konnte. Ich habe im Voraus so viel bezahlt, dass ich gern wissen würde, ob ich dafür jemals eine Gegenleistung erwarten darf? Schon die Überfahrt von Marokko aus musste ich bezahlen, noch bevor ich das Meer gesehen oder gerochen hatte. Zwei Frauen waren wir. So wie zwei Dosen Mais im Supermarktregal. Der Preis war der gleiche, auch wenn es sich um beschädigte Ware handelte, denn unser Prepaid-Leben fing schon vor der Überfahrt an, nur erzähle ich es sonst nie.

Ich bezahlte das erste Mal mit meiner Ohnmacht und Schuld. Unbedingt sollten wir bleiben und unseren kleinen Laden nicht aufgeben. Die Truppen würden mit uns eh nichts anzufangen wissen. Als sie hereinstürmten, war es ein kleiner Junge aus dem Dorf, der auf meinen Mann und meine Tochter Aya zeigte. Nicht auf mich, weil ich zu seinem Stamm gehörte. Uns alle hielten sie fest, doch Aya war es, die sie anders anpackten. Zwölf Jahre alt und ihr erstes Blut kam durch so viel Hass und Wut. Ich flehte die Männer an, mich statt ihrer zu nehmen, doch ich sollte zusehen. Immer wieder. So wie bei meinem Mann. Ihn schlugen sie blutig, so dass er das Buschmesser gar nicht sah, das man ihm an die Kehle setzte. Er zitterte nicht einmal, als sie es mit mehreren Zügen durch seinen Hals zogen. Immer wieder. Auch seinen Platz flehte ich einzunehmen. Sie hätten sich an mir vergehen und mich ermorden sollen, war ich es doch, die unbedingt im Laden ausharren und nicht fliehen wollte. Seither habe ich Aya nicht mehr Lachen gehört. Seither habe ich selbst nicht mehr glücklich gegluckst. Aus einem Geheimfach im Keller holte ich das Geld und bezahlte damit unsere Flucht und die Überfahrt. Wir lebten die nächsten Monate in Lagern. Die Freiheit, die Europa versprach, sie war hinter den Zäunen, so glaubte ich.

Die Freiheit ist auch prepaid. Erst am Telefon, als ich versuchte meine Tante in der Heimat zu erreichen, deren Stimme ich aber nie wieder vernehmen durfte. Und dann wieder, als wir endlich diese Käfige verlassen durften. Hier in Deutschland suchte ich eine Wohnung, doch diese musste vorbezahlt werden. Vom Geld einer Arbeit, die ich nur mit einer Adresse und einem Konto antreten dürfte. Die Menschen in den Ämtern sollten mir helfen, doch sie gaben mir nur Zettel, die ich nicht lesen, die ich nicht verstehen konnte.

Freiheit bedeutet Geld im Voraus zu haben. Das Essen in den Märkten und auf den Straßen lockte uns mit seinen Gerüchen, doch konnten wir uns daran nicht satt sehen. Verscheucht wurden wir, da wir die Kundschaft fernhalten würden. Wie oft hatten wir in unserem Laden mal Brot übrig, dass auch jenem Jungen schenkten, der später meinen Mann und meine Aya aussortierte. Wie oft hatten die Kinder in der Sonne friedlich miteinander gespielt. Wie sehr vermisste ich unsere geliebte Heimat.

Und dann trafen wir auf diesen Bäcker hier. Wir hatten uns nachts in den Hausflur geschlichen, um zu schlafen und so hatte er uns vorgefunden. Ich war noch nicht richtig wach, als Aya mich in die Seite stieß. Eine große, dunkle Gestalt stand da, doch statt uns davonzujagen, bot er uns Suppe und Brot an. Jeden Tag durften wir zu ihm kommen. Er half mir mit den Papieren und gab mir Arbeit. Warum gibt es diese Art Mensch in diesem Land so selten, wo doch jeder so viel hat? Ihn musste ich nicht im Voraus bezahlen. Ihn musste ich nie bezahlen. Er wäre unbezahlbar.

Bücherleben

Schlagwörter

, , , ,

Ich mag den Geruch von Büchern. Nein, nicht von allen Büchern. Manche tragen kalten Rauch an sich, das ist nicht so meins, obgleich mir die Verbindung zu passen scheint. Ich habe gar einen gewissen Hang dazu. Früher waren die Bücher noch in Leinen gebunden und der Name hineingepresst. Heute hingegen tragen sie eine schön verzierte, glänzende Oberfläche, die keine Vertiefungen aufweist. Schon interessant, was sich da für Parallelen finden, denn die Schalplatten wären ohne ihre Vertiefungen nichts wert, moderne Musikspieler hingegen glänzen, nachdem man sie aus der Tasche zieht und die Fingerabdrücke abwischt.

Ein wenig traurig wird es mir, wenn ich daran denke, dass die Hülle so wichtig scheint. Das Buch bleibt verschlossen. Der ganze Aufwand, damit sie sich voneinander unterscheiden, aber tatsächlich sehen sie alle gleich aus. Also war es doch besser, als es nicht nach dem Äußeren ging oder? Ich will gar nicht wissen, welches Cover man dem „Werk“ eines österreichischen Möchtegern-Künstlers und Bücherverbrenners gegeben hätte, damit es lammfromm daherkommt.

Die neuen Bücher können aber zumindest noch Eselsohren und Knicke bekommen und auch den Geruch tragen sie noch. Auch das scheint sich zu ändern. Kennt ihr das, wenn ihr ein Buch in die Hand nehmt und die immergleiche Stelle aufschlägt, weil sie dem Leser so wichtig und so wertvoll war? Wie manche Seiten vergilbter sind als andere? Wie sich ein Rand vom Inhalt einer ausgelaufenen Flasche abzeichnet? Die ganz neuen Bücher kennen das nicht. Die sind einfach kaputt, wenn im Rucksack neben ihnen etwas ausläuft. Ansonsten aber bleiben sie wie am ersten Tag. Perfekt sind sie, zumindest oberflächlich und geruchsneutral. Ich verteufle sie nicht, es ist ja nicht ihre Schuld. Um sie auszulöschen, genügt ein Knopfdruck.

Die Bücher von heute sollen perfekt sein. Der erste Blick entscheidet und vielleicht wirft man virtuell einen Blick in ihr Innerstes und stellt sie dann wieder beiseite. Ein paar wenige Klicks und man glaubt zu wissen, worum es in dem Buch geht. Man ist ja auch zu beschäftigt damit die eigenen Seiten zu beschriften oder schöne Bilder für das eigene Cover bearbeiten.

50 Shades of Tiefkühlpizza

Schlagwörter

, ,

– Oder warum eine Peitsche die Menschen nicht glücklicher macht –

Nun hat sich der Hype ja hoffentlich so langsam gelegt und mit ihm auch die Kritik. Den Film habe ich nicht gesehen und auch die Bücher hielt ich nie in Händen. Ich hatte bereits meine Berührungsmomente mit BDSM. Man bekommt heute die heftigsten Pornos frei Haus geliefert und wenn ein Paar Probleme hat, dann liegt es meist am Sex, so scheint die Denke zu sein. Dass der Sex vielleicht einfach schlecht ist, weil die Beziehung im Arsch ist, auf den Gedanken kommt man dann zwar doch noch ganz gern, aber das Rezept scheint aktuell zu sein, dass man das Sexleben dann einfach ein wenig anheizt. Offenheit in der Beziehung wird verwechselt mit dem Ausprobieren einer sexuellen Spielart und so verändert sich rein gar nichts. Der aktuelle Hype um BDSM ist für mich vergleichbar mit der Entdeckung eines besonderen Gewürzes, das wir uns auf unsere Tiefkühlpizza schütten. Die Pizza scheint endlich wieder lecker zu sein und alles ist in Ordnung. Der fade Geschmack ist noch nicht in Sichtweite, aber er wird nicht lange auf sich warten lassen und dann kommen wir hoffentlich mal auf die Idee, dass wir wieder selbst kochen sollten. Am besten mit dem Partner. Und dabei offen miteinander umgehen. Nicht mit Vorwürfen, sondern mit eigenen Wünschen und Gefühlen.
p.s.
Die Zweitüberschrift erklärt sich wohl selbst ;-)

Erkenntnisse eines Diebstahls

Schlagwörter

, , , ,

Nachdem mir in der Nacht von Freitag auf Samstag mein Fahrrad geklaut wurde, gab es jetzt schon einige Leute, die meinten, dass ich damit sehr entspannt umgehen würde. Mir ist heute bewusst geworden, warum das tatsächlich so ist.

Das Fahrrad selbst war ein Geschenk und kein günstiges. Der ursprüngliche Halter wollte sich gerade ein neues zulegen und meines war kaputt gegangen, so schenkte er es mir. Es war vorne und hinten gefedert und trug mich schon so einige Kilometer mit sich. Ich war nicht geschockt, als es weg war, das hatte ich schnell realisiert. Ich war eher mies gelaunt. Jedoch nicht wegen des Diebstahls an sich. Die Diebe nahmen mir nicht wirklich das Rad, sondern meine Mobilität und genau das war es, was mich störte. Die sechs Kilometer bis zur Stadt waren plötzlich meterhohe Mauern geworden. Heute fand ich ein Rad, welches vorerst geliehen ist, aber bald gibt es wieder einen eigenen Drahtesel. Die Leihgabe heißt Max und brauchte ein paar kleine Handgriffe, damit es auch im Dunkeln zu sehen ist, aber jetzt sind wir schon gut befreundet.

Ich nehme zwei Erkenntnisse aus dem Geschehen mit:
1. Der Verlust von Besitz stresst mich wenig, aber der Verlust meiner Freiheit umso mehr.
2. Wenn ich schon wegen des Verlustes eines Rades ein solch unwohles Gefühl habe, wie mag es dann erst für einen Menschen sein, der seine Beine verliert? Ist mir bewusst, wie hoch der Wert meiner Unversehrtheit ist? (Ja, das sind Fragen, aber auch Fragen können Erkenntnisse sein. Sag ich jetzt einfach mal so.)

Dystopie aufs Ohr (2)

Schlagwörter

,

Ich weiß noch nicht, ob das hier eine Serie werden wird, aber davon würde ich momentan nicht ausgehen, wenngleich mir durchaus weitere Alben in den Sinn kommen, die hier hinein passen. Das Album, welches ich dieses Mal anspreche ist von seiner Stimmung her auch gar nicht so düster, wie “Black Ribbon” von Shooter Jennings, dennoch mit einer klaren Botschaft. Der erste Song, Sirius, jagt jedem Basketball-Fan einen wohligen Schauer über den Rücken. Mir geht es zumindest so. Ich erinnere mich noch an die Übertragungen aus den 90ern, wenn dazu das Team um Michael Jordan aufs Parkett lief und ich habe es auch nicht selten gehört, wenn mein alter Herr als Trainer mit seinem Team in die Halle kam. Es ist aber nur die Einleitung in Track Nummer 2 “Eye in the Sky” (der Link beinhaltet Sirius und Eye in the Sky als Gesamtsong). Hier sind wir schon beim Meisterstück des Albums angelangt, was mich jedoch nicht stört. Jedes “I am the eye in the sky, looking at you. I can read your mind” erinnert mich an die Kameras, die man zur Sicherheit montiert, nur dass der Song über 30 Jahre alt ist und er daher noch nicht vom “Ear in your jeans” singen konnte, die Dinger kamen ja erst zu der Zeit heraus und brauchten einen Aktenkoffer, den man mit sich herumschleppen musste.

Alan Parsons Project ist der Name der Band, “if you wanna call it a band” (um mal Fatboy Slim zu zitieren). Und gaaanz typisch für die 80er muss man sich mit elektronischen Klängen aus dem Keyboard oder dem Mixer begnügen. Das ist nun nichts, was ich mir den ganzen Tag anhören könnte oder möchte, aber den Track Nummer 7 “Psychobabble” empfehle ich gern, allein schon wegen des Fliegeralarms, der mitten im Song auftaucht und einen wieder aus der kunterbunt-poppigen 80er-Welt in den Überwachungsstaat holt. Da wird der wohlige Schauer vom Beginn erneut erzeugt, wenngleich es weniger wohlig ist, was einen da durchfährt, aber das muss man sich als Künstler auch trauen und ich kannte es ansonsten nur vom Public Enemy Album “It takes a Nation of Milions to hold us back“.

Wer sich Alan Parsons Project “Eye in the Sky” komplett anhören möchte, der möge diesem Link folgen.

Heute Nacht lag Bukowski in der Gasse

Schlagwörter

, ,

Schon eigenartig, was einem so manchmal für Leute in den Sinn kommen, die einem über den Weg gelaufen sind. Da war Christin. Eigentlich hieß sie nicht so, aber immer wenn ich meinem Kumpel schrieb, wo ich gerade bin, dann war ich bei der Christin. Er fragte dann immer, wer Christin sei und ich erklärte, dass sie an Gott glaubt, also Christin und nicht Christine. Da er sich das aber nicht merken konnte, wurde sie zur Verrückten, da bin ich ganz froh, dass ich mich an Christin erinnere und nicht an “Die Verrückte”. Warum wir sie so nannten, weiß ich gar nicht, womöglich weil sie wirklich ein wenig verrückt war. Leider nicht im angenehmen Sinne. Ihr wisst schon, diese verspielte Verrücktheit. Nein, sie war nervig verrückt und so zwang sie mich (oder zwang ich mich?) dazu, mir irgendwelche gottesbejahenden Lieder anzuhören von einem gesanglich unbegabten Menschen, der vermutlich mit lüsternem Blick auf die Kinder schaute, die ebenso schräg mit ihm sangen. Beim lüsternen Blick fällt mir gleich noch so eine Eigenart von ihr ein. Es war am Abend und sie wollte noch zur Andacht. Statt die Stunde davor noch mit mir die Decken zu durchwühlen, stand sie vor dem Spiegel, schminkte sich und überlegte, was sie anziehen sollte. Als ich nachfragte, warum sie sich so stressen würde, antwortete sie, dass das kein Stress sei und dass sie doch schön aussehen wollte. Nur für wen eigentlich, war die Frage, die ich mir stellte, ihr aber vorenthielt. Als sie dann was gefunden hatte, was ihre üppige Oberweite so richtig zum Vorschein brachte, fragte ich sie, ob so ein tiefer Ausschnitt nicht eher auf Kritik stoßen würde. Sie meinte, dass tatsächlich neulich so ein älterer Herr zu ihr kam und zu ihr meinte, dass es sündig wäre, wie sie so rumlaufe und sie ihn ja verführen wolle. Vor meinen Augen sah ich eine Kirche voll von alten Ehepaaren, bei denen die Alte ihn böse anfunkelte, während ihm der Sabber aus dem Mund lief, weil er die Kurven meiner Liebschaft begutachtete. Das Gespräch hatte aber den Vorteil, dass ich mich endlich selbst fragte, was ich ihn ihr sah und ob ich nicht ebenso dumm rumsabberte. Unser Verabschiedungskuss an dem Abend war dann der letzte, den wir austauschten.

Dennoch war sie nicht ganz aus der Welt, denn da war noch ihr guter Freund John. Er erinnerte mich ans Klo und die Briten gehen ja so gern aufs John. Wie er wirklich heißt, weiß ich gar nicht. Online nannte er sich ganz anders, deswegen konnte ich mir seinen Namen nicht merken. Er war so einer von den Typen, die ein Musikvideo posteten und dann dazuschrieb: “Ich bin nicht schwul, aber diesen Song ist großartig.” Das sind die Kommentare, bei denen sich mir der Magen umdreht, vermutlich haben das “Ich bin Punkt Punkt Punkt, aber”-Sätze einfach so an sich. Ich habe ihn dann irgendwann mal nachts mit einem Typen rumknutschen gesehen. Er hatte eigentlich eine Dauerbeziehung. Also zumindest glaube ich das. Sie behandelte er immer wie den letzten Dreck. Selbst wenn er auf der Bühne stand, lästerte er nur zu gern über sie, während sie im Publikum saß und mit den anderen Leuten mitlachte. Die Menge hielt es womöglich für Spaß, doch für sie muss jeder Spruch ein eiskalter Tritt in die Magengrube gewesen sein. Dieses Konzept der Liebe hat mir noch nie eingeleuchtet, zumal ich mich fragte, wo der Hass von John auf Frauen herkam, dass er so mit jener umging, die sich einfach nicht von ihm lösen wollte.

Da habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht. Kurz und nicht wirklich schmerzlos gingen solche Trennungen vonstatten. Da kommt mir sofort Isabelle in den Sinn. Sie hat die Tomaten immer so geviertelt, dass nur an einem Stück der Stielansatz war und ihn wegschnitt. Dieser zierliche Körper, der so verletzbar erschien und mit dem sie mich zu Boden beförderte, als ich betrunken vor ihrer Haustür stand und sie fragte, warum denn Schluss sei. Tatsächlich hatte der Schmerz geholfen, denn mein Arsch tat noch drei Tage später weh…aber ich verliere mich in Gedanken…

Die Frau von heute will den Mann von gestern

Schlagwörter

, , ,

Ich bin ja ein großer Fan des Feminismus und verteidige ihn nur zu gern. Warum mache ich das eigentlich? Will ich mich damit bei Frauen einschleimen? Ganz ehrlich, auf die Tour funktioniert es nicht. Also warum dann? Aus purem Egoismus und warum auch nicht? Jene Form des Feminismus, der ich zustimme, setzt auf die Auflösung von Rollenbildern oder einer Erwartungshaltung gegenüber einem Geschlecht.

Weinen zum Beispiel wird als Zeichen der Schwäche angesehen, dabei fällt es mir öffentlich schwerer als zu flatulieren, somit sollte es doch sogar als Stärke angesehen werden, wenn ich mich als Mann öffentlich zu meinen Tränen bekenne. Als Mann steht mir auch die Aufgabe zu, die Tür aufzuhalten, eine Frau anzusprechen und sie zu verteidigen. Ganz ehrlich, ich lasse mir auch gern mal die Tür aufhalten oder mich anmachen. Und was die Verteidigung betrifft, so gibt es da die physische Ebene (ich kenne genügend Frauen, die mehr Kampferfahrung als ich besitzen) und die verbale Ebene (es ist ein fast unbeschreibliches Gefühl, wenn einem selbst die Worte fehlen und plötzlich jemand das Wort für einen ergreift). Beide Ebenen dürfen auch gern mal von einer Frau übernommen werden (eben von jedem Menschen). Achja und das Pinkeln im Stehen. Das muss ich erwähnen, weil eine andere Bloggerin mal meinte, dass sie es unmännlich findet, wenn ein Kerl sich hinsetzt: Ich bin viel zu gemütlich, um mich nicht hinzusetzen. Mag ja sein, dass es alten Männern schwer fällt, in die Knie zu gehen, aber ich will nicht fix irgendwo hinrennen, dann schnell alles wieder einpacken, dabei tausend Tropfen im Raum verteilen und mir am besten noch was einquetschen, weil der Reißverschluss an der Hose ja ebenso schnell geschlossen werden musste (okay, ich hab nur Hosen mit Knöpfen, aber es geht mir mehr ums Bild des eiligen Mannes, der kann sich Knöpfe zeittechnisch gar nicht leisten kann). Das Beispiel vom Geldgeber, der des Nachts ruhig weiterschläft, während seine Frau zum schreienden Kind rennt, lasse ich nur am Rande hier stehen, weil ich hoffe, dass das einfach nicht mehr vorkommt.

Die Frau von heute sollte alles sein dürfen, was sie will und der Mann von heute ebenso. Solange ich aber noch immer einem gesellschaftlichen Ideal entsprechen muss (ich habe auch keine Lust, einem persönlichen Ideal zu entsprechen, aber das ist ein anderes Thema), ist für mich der Feminismus noch längst nicht am Ziel und wird deswegen auch weiterhin meine vollste Unterstützung erfahren. Dies ist mein verspäteter Beitrag zum Frauentag (mein bisheriger entsprach ja doch nur dem Klischee des Mannes mit der Blume ^^).

p.s.
Da ich durch einen Kommentar darauf aufmerksam wurde, dass hier womöglich noch eine Definition von Feminismus gehört, wie ich ihn empfinde usw. möchte ich ganz grob ergänzen (und vielleicht irgendwann mal ausführlicher):
Feminismus soll nicht der Frau mehr Rechte geben als dem Mann. Auch soll der Mann dadurch nicht benachteiligt oder unterdrückt werden. Wer Feminismus als etwas versteht, was die Frau höher stellt, missversteht das Konzept des Fem. (zumindest jenen, dem ich mich zurechne).

p.p.s.
damit es weiterhin amüsant bleibt: Ich selbst versuche der Mann von morgen zu sein und meine Partnerin…ach, die braucht nur sprichwörtlich nicht von schlechten Eltern zu sein (kann man sich ja schwer aussuchen). :-D

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 358 Followern an